Hitachi

Die letzten Tage war ich in Hitachi. Hier bemerkt man die Antagonisten, die in Japan so allgegenwärtig sind, vielleicht noch besser als anderswo: Natur-Technik, neu-alt, voll-leer, aufgeräumt-durcheinander, höflich-freundlich. Wobei es mir scheint, dass diese Begriffspaare in Japan keine dualistischen Gegensätze, sondern nebeneinander, übereinander, verschränkt, verschachtelt sind, sich necken – und mir vor allem das so sehr gefällt.

So ist die Stadt Hitachi selbst umgeben von vielen Fabrikarealen, aber auch Bauern- und Fischerdörfer. Sie selbst ist nicht gross, aber dann wiederum hat sie ein Planetarium! Die Menschen hier scheinen auf ihre eigene Stadt respektvoll, und doch auch etwas fragend aufzuschauen. Viele junge Leute hat es hier und Schulen, aber auch stille Weiler mit wenigen Greisen (PS: Man erkennt das Alter der Bewohner eines Hauses immer gut an der aussen aufgehängten Wäsche).

Einige Gebäude hier sind nigelnagelneu, wie etwa ein schönes Einkaufszentrum oder der gläserne Bahnhof (und darin, wie als Ausgleich, ein chaotisches Café, bei dem kein Topf so recht weiss wo er hingehört und keine Ecke nicht liebevoll mit einem handgeschriebenen Schild oder Tischaufsatz beglückt wurde), aber man sieht auch viele verlassene kleine Werkstätten.

Die Natur ist allgegenwärtig: Was nicht von Menschen bewohnt und gepflegt wird, überwuchert in kürzester Zeit. So hat es schöne Gärten und der obligate Blumentopf vor jedem (!) Hauseingang und Ranken, Büsche und hohes Grass überall.

Und: Auf der Nationalstrasse fahren ununterbrochen Lastwagen, beladen mit grossen Maschinen – und nicht weit davon laufe ich auf einem gewaltigen, einsamen Damm dem Meer entlang.

Handlich

Auf alten Bildern und in Filmen sieht man viele am Rauchen. Und heute? Schaut bald jeder, mit dem dazu passenden, leicht gesenktem Blick aufs Handy. Am Bahnhof, natürlich im Zug, oft auch beim Laufen. Letzteres nennt man auf Japanisch 歩きスマホ (Gehen & Smartphone) – früher gab es das Wort 歩きタバコ (Gehen & Rauchen), beides nicht so gerne gesehen.

Ich mache es auch (sorry!), wenn ich den Weg suche: Die Karte von Google ist wohl sehr praktisch, um Bus und Zug zu fahren, beim Laufen aber kaum mehr als eine grobe Orientierungshilfe. Dafür habe ich eine App für Wanderer mit sehr gutem japanischen Kartenmaterial. Das Beste daran: man sieht auch die «Fussspuren» von Anderen. Damit habe ich schon oft eine praktische Abkürzung entdeckt, oder konnte eine Sackgasse vermeiden. Ein Beispiel vom heute: Google weiss von nichts: wo keine Werbung, da auch keine Wege (Bild ganz links). Dagegen deutet die Wander-App einen Weg an, und zeigt auch, dass Leute hier vorbeigekommen sind. In der Realität ist der Damm hier zwar kaputt und nicht begehbar, aber links davon gibt es eine Kiesstrasse. Perfekt!

Später zeigt ein Schild, dass es sich wohl um eine Zufahrt für Arbeiter handelt. Für solche Schilder brauche ich Google Translate; es funktioniert auch bei handgeschriebenen Texten erstaunlich gut. Damit konnte ich z. B. diese Speisekarte entziffern und «Scharfe Knoblauchgarnelen» bestellen.

Auch an bald jeder Rezeption und jedem Bahnhofsbüro haben sie ein Tablet mit Google Translate in einer Schublade: ist dafür dann das Passwort gefunden oder erfragt (1234), wird immer etwas verstohlen reingesprochen und strahlend das Ergebnis gezeigt. In den letzten Tagen habe ich das schon drei Mal erlebt und es hat immer gut funktioniert: Z. B. wurde meine Frage, ob das Zimmer ruhig sei, beantwortet mit: «Wir denken, dass Sie in ihrem Zimmer eine ruhige Zeit haben werden.»

Respekt

Ich laufe wieder, quer durch Japan. Etwas kürzere Strecken, pro Tag vielleicht 15, 20 km, durch Stadt und Land; es ist herrlich!

Wenn ich die Strecken jeweils morgens (grob) plane, schaue ich vor allem auf die Wege, ob es z. B. Trottoirs gibt (wichtig bei Brücken und Tunnels), und wenn immer möglich, wähle ich meine Lieblingswege den Flüssen entlang oder über Reisfelder. Klassische Wanderwege sind schön (und gut), aber auf die Dauer anstrengend, da steil.

Brücken sind so eine Sache: Ich habe leider etwas Höhenangst. Wann die genau aktiviert wird, ist mir aber immer noch ein Rätsel, manche Brücken sind ok, andere brauchen mehr Überwindung.

Vor Hunden habe ich auch Respekt. Das war bei der ersten Wanderung kein Thema, seit aber bei der Zweiten von einem nahen Bauernhof drei Hunde auf mich zugerannt sind und mich einer gebissen hat, ist es ein Thema. Dieses Mal habe ich für solche Notfälle einen Pfefferspray dabei, habe ihn auch schon ausprobiert, an einem unschuldigen Busch, der war dann ganz ruhig.

Gestern war ein Hundetag. Einer hat den ganzen Tag vor seinem Hof brav auf mich gewartet. Zum Glück war er gross: ich habe ihn gesehen und einen kleinen Umweg gemacht. Dann laufe ich einen Fluss entlang und höre weit vor mir viele Hunde bellen, es hilft nichts, ich muss da durch. Sehe dann einen Hundeübungsplatz. Zwei Hunde jagen nach einem Pistolensignal darüber, mal in die eine, mal die andere Richtung, trainieren wohl für ein Rennen, daneben noch drei, vier Hunde die anfeuern. Interessant zum Ansehen – und daran vorbeilaufen.

Andere Dinge machen mir auf der Wanderung eigentlich keine Angst: bin schon – ganz vorsichtig – über Geleise, Abflussgräben, Bäche gestiegen, auf allen möglichen und unmöglichen Wegen gelaufen.